Routiers: Wie beurteilt Ford Trucks die Elektrifizierung bei den schweren Nutzfahrzeugen?
Emrah Duman: Heute spielt der Dieselmotor noch die klare Hauptrolle bei den Anwendungen schwerer Lastwagen. Das spiegelt die Realität in der Branche wider, die den Diesel bezüglich Langstreckeneinsatz, Infrastruktureinschränkungen und TCO für manchen Kunden noch immer zum geeignetsten Antrieb macht. Gleichzeitig ist die Elektrifizierung eine Schlüsseltechnologie in der langfristigen Transformation. Allerdings wird hier der Wandel nicht auf einen Schlag stattfinden, sondern sukzessive und in Abhängigkeit des praktischen Einsatzes. Wir verfolgen einen technologieneutralen Ansatz bei Ford Trucks, steigern beim Diesel die Effizienz und senken die Emissionen, investieren aber auch in alternative Antriebsformen für die Zukunft.
Das klingt anders als bei anderen Herstellern, die teilweise vehement den batterieelektrischen Weg vertreten …
Unsere Industrie erlebt momentan zweifelsohne einen grossen Wandel und da ist es klar, dass unterschiedliche Hersteller ihre Strategie auf unterschiedliche Weise kommunizieren. Die Elektrifizierung ist für uns keine Frage des «ob», sondern nur jene von «wann und wo». Doch der Wandel muss aus unserer Warte wirtschaftlich tragbar und im Alltag problemlos einsetzbar sowie von der passenden Infrastruktur unterstützt sein. Wir bei Ford Trucks glauben an einen ausgeglichenen, technologieneutralen Ansatz, in welchem unterschiedliche Lösungen nebeneinander bestehen, abhängig von Einsatz und Marktsituation.
Ist ein Interesse Ihrer Kunden an batterie- und wasserstoffelektrischen Lösungen zu verspüren?
Wir stellen ein wachsendes Interesse für beide Antriebsarten fest. Beim batterieelektrischen Ansatz ist die Nachfrage konkreter und von klaren Einsatzmöglichkeiten geprägt. Dabei geht es in erster Linie um Verteilerverkehr sowie Kurz- und Mittelstrecke, wo das Einsatzprofil und die Lademöglichkeiten bekannt sind. Bei der Brennstoffzellen-Anwendung geht es mehr ums Erkunden. Endkunden sehen das Potenzial vor allem im Langstreckeneinsatz, doch wegen zentraler, offener Fragen zu Tankinfrastruktur, Energieverfügbarkeit und TCO bleibt hier noch ein grosser Entwicklungsaufwand bestehen. Wir verfolgen die Entwicklung von Technik und Umsetzung eng und passen unsere Roadmap entsprechend fortlaufend an. Doch eines ist klar: Während heute der Diesel den Markt dominiert, wächst das Interesse an alternativen Antrieben stark.
Ein gewichtiger Teil der Fabrikation von Ford Trucks sind Baustellenlastwagen. Wie sehen Sie den elektrischen Antrieb in diesem Segment?
Für uns sind Baustellenfahrzeuge von grosser Bedeutung (Red.: in der Schweiz noch nicht im Angebot). Doch der Bausektor bleibt wegen des hohen Energiebedarfs, der schweren und variablen Ladungen, der Offroadeinsätze und des meist eingeschränkten Zugangs zu Lademöglichkeiten eine grosse Herausforderung für die Elektrifizierung. Erste Anwendungen werden sehr stark vom spezifischen Einsatz abhängig sein.
Weltweit wird die Elektrifizierung ganz unterschiedlich gefördert. Wo sehen Sie die stärkste Umsetzung?
Die Unterschiede sind teilweise sehr gross, was sich auch aus den gesetzlichen Rahmenbedingungen, dem Entwicklungsstand der Infrastruktur und den Einsatzprofilen der regionalen Kundschaft ablesen lässt. Aktuell zeigt sich in Europa die grösste Bereitschaft, mit strengen Emissionsvorschriften, hoher politischer Unterstützung und teilweisem Verbot konventioneller Antriebe für städtische und regionale Transporteinsätze. Für die Brennstoffzelle sehen wir langfristig eher ein globales Potenzial, speziell in Regionen, die bereits heute am Ausbau der Wasserstoffinfrastruktur arbeiten.
Noch eine Frage zum autonomen Fahren. Wird dies das Angebot von Ford Trucks in naher Zukunft verändern?
Kurz- und mittelfristig wird Ford Trucks autonomes Fahren vor allem in Form von Assistenzsystemen zur Steigerung von Komfort und Sicherheit vorantreiben. Komplett autonomes Fahren in der komplexen, offenen Verkehrsumgebung steht heute noch vor gewaltigen Herausforderungen. Diese betreffen Fragen der Gesetzgebung, der Infrastruktur, der Haftung und der technischen Verlässlichkeit. Deshalb erwarten wir nicht, dass dieses Thema unser Produktportfolio auf kurze Sicht gross beeinflussen wird.
Fragen: Milan OlŠANSKÝ, ITOY, Fotos: Martin Schatzmann / Ford Trucks


