Es ist dem unermüdlichen Einsatz von H2energy in Zürich zu verdanken, dass vor acht Jahren auf der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover der Grundstein für den Schweizer Wasserstoffkreislauf gelegt worden ist, der noch heute weltweit seinesgleichen sucht. Am Kreislauf beteiligt sind Hyundai Hydrogen Mobility HHM, der Förderverein H2 Mobilität Schweiz und der Wasserstoffproduzent und -lieferant Hydrospider.
Doch die Rahmenbedingungen haben sich für das Projekt wegen Covid-19-Nachwehen und wegen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine zunehmend negativ verändert. Vor allem die hohen Energie- respektive Strompreise haben bewirkt, dass die Marktentwicklung hinter den Erwartungen geblieben ist und HHM in der Schweiz schon länger keine zusätzlichen Pay-per-use-Verträge mehr für neue Xcient-Fuel-Cell-Lkws abschliessen konnte. Deshalb verkehren heute nicht die ursprünglich erhofften 1000 Brennstoffzellen-Lkw in der Schweiz, sondern nur deren 50. Mit dem dadurch geringeren Wasserstoff-Umsatz verzögert sich auch die Amortisierung der H2-Tankstellen.
Indikator Tankstelle?
Es ist auch diese geringere Nachfrage nach H2, mit welcher Agrola begründet, auf Ende Jahr ihre drei H2-Tankstellen zu schliessen. Den Wasserstoff ganz abschreiben will Agrola jedoch auch nicht und lässt verlauten, in diesem Energieträger weiterhin Potenzial für die Dekarbonisierung von Mobilität und Energieversorgung zu sehen – einfach nicht jetzt. Und Agrola bleibt bei der Dekarbonisierung des Verkehrs zwischenzeitlich nicht untätig. Man hat neue Schwerpunkte definiert, einerseits mit einem breiten Netz an Ladestationen, andererseits mit dem zunehmend verfügbaren Umweltdiesel HVO.
Die anderen Betreiber hingegen halten an ihren H2-Tankstellen fest. Coop beispielsweise hat sogar aufgestockt und erst im März am Verkehrsknotenpunkt Egerkingen eine neue H2-Tankstelle eröffnet. Aktuell können daher schweizweit 19 solche Tankstellen angefahren werden, nach dem Agrola-Ausstieg wären es dann noch 16. Übrigens läuft die anfänglich etwas unstete H2-Verfügbarkeit schon lange solide. Sie wird durch die zwei Produktionsstandorte Niedergösgen und Kubel (bei St. Gallen) sichergestellt.
Der Verein für Abfallentsorgung VfA wiederum plant in Buchs SG den Ersatz seiner Kehrichtverbrennungsanlage KVA, die Projektierung läuft. Doch bereits die bestehende KVA wird Anfang 2027 zur Verwertung von überschüssigem Strom mit einer H2-Produktion inkl. Tankstelle ausgestattet. Dieser Wasserstoff aus lokaler Produktion wird u. a. für die Abfallsammelfahrzeuge eingesetzt werden, aber auch in den vorhandenen H2-Kreislauf einfliessen. H2energy liefert die Wasserstoffproduktions- und -betankungsanlage.
Indikator Lkw?
Serienmässige H2-Lastwagen gibt es aktuell weiterhin nur von Hyundai. Seit einem Jahr aber stehen auch vier Iveco-H2-Sattelzugmaschinen in der Kundenerprobung, dies bei der G. Leclerc Transport AG und bei der Genossenschaft Migros Ostschweiz (Routiers 07/2025). Und nun kommen fünf weitere Brennstoffzellen-Lkws dazu, diesmal von Scania. Auch bei ihnen handelt es sich um Prototypen-Lkws in Kundenerprobungen. Das Fahrzeug war im letzten November auf der transportCH vorgestellt worden.
Als die Energiepreise in der Schweiz die weitere Expansion zu verzögern begonnen haben, legte HHM die Hände nicht einfach in den Schoss. Von Zürich aus wurde die Expansion nach Europa in Angriff genommen. Heute ist HHM in Holland und Frankreich, aber vor allem in Deutschland präsent, mit einem eigenen Firmenableger in München. In Deutschland sind inzwischen gut 130 Brennstoffzellen-Lkws im Einsatz und die Zahl wird gemäss Beat Hirschi, HHM-CEO in Zürich, bis Ende Jahr auf 170 anwachsen. In ganz Europa werden bis Ende Jahr weit über 200 Hyundai Xcient Fuel Cell in Betrieb stehen, inklusive der 50 Schweizer Fahrzeuge. Alle Trucks zusammen haben mehr als 20 Millionen problemlose Kilometer im Realeinsatz zurückgelegt.
Inzwischen bewegt sich der Schweizer Markt auch für Hyundai wieder. Einzelne Kunden tauschen ihre bisherigen 4×2-Trucks in 6×2-Modelle der neusten Generation um. Zudem liefert HHM erstmals zwei Hyundai Xcient Fuel Cell 6×2 mit Blachenaufbau an einen neuen Kunden aus. Und die Koreaner entwickeln weiter, sodass in zwei Jahren, spätestens aber 2029, endlich die vom Markt schon lange nachgefragte Sattelzugmaschine bereit steht. Die bis dann eingeführten EU-Vorschriften bringen es mit sich, dass der Xcient auch eine neue Kabine erhalten wird.
Ausblicke
Gemäss Beat Hirschi zeigt Hyundai keine Anzeichen, sich vom Brennstoffzellenantrieb im Lastwagen zurückziehen zu wollen. Die aktuellen Pay-per-use-Verträge in der Schweiz werden bei ihrem Auslaufen in den kommenden Jahren angepasst oder die Fahrzeuge zum Kauf angeboten. Man geht bei HHM davon aus, dass sich die allgemeine Lage bis zur Einführung der Sattelzugmaschine normalisieren dürfte.
Einen ähnlichen Zeithorizont sieht auch Martin Osterwalder, Präsident des Fördervereins. Er geht davon aus, dass H2 in zwei, drei Jahren seine Bedeutung im Strassentransport wieder ausweiten dürfte. Bis dahin bleibt der Verein nicht untätig. Vielmehr nutzt er seine Stimme, damit die politischen Rahmenbedingungen dem Dekarbonisierungspotenzial des Wasserstoffeinsatzes im Verkehr gerechter werden. Ein Ende sieht anders aus.
Text: Martin Schatzmann
Fotos: Diverse
Stromnetzunabhängiger Elektro-Fastcharger
Wasserstoffnutzern bietet Kvyreen von H2energy die Möglichkeit, Elektro-Fahrzeuge mit 80, 160 oder mehr kW zu laden. Unabhängig vom Stromnetz wandelt eine im Kvyreen-Würfel integrierte Brennstoffzelle Wasserstoff direkt in Ladestrom um. So lässt sich die hohe Investition in die H2-Tankstelle zusätzlich amortisieren, ohne dass dazu weitere Investitionen ins Stromnetz zu tätigen und teure Stromspitzen zu befürchten sind.
MS



