29 Nr. 6 | 2026 FAHRZEUGE UND TECHNIK Barış Akyalçın, E-Truck-Verantwortlicher bei BYD Europe, sieht die Zeit gekommen, dass BYD in Europa nun auch beim E-Lkw mitmischt. Der ETM6 (7,5 t) bietet 3,8 t Nutzlast und fährt auf einer Batterieladung rund 220 km weit. Für Europa will BYD das Nutzfahrzeugportfolio breiter aufstellen und in mehreren Segmenten sichtbar werden. Besonders interessant sieht BYD jene Anwendungen, in denen planbare Routen, Depotladung und feste Einsatzprofile die Elektrifizierung erleichtern. Das Netz wird zur Schlüsselfrage Doch selbst der beste E-Lkw bringt wenig, wenn die Energie nicht verfügbar ist. Gerade hier hat Europa einen der grössten Engpässe. So sind beispielsweise in den Niederlanden die Netzkapazitäten vielerorts bereits heute ein massives Thema. «Ich lebe in den Niederlanden, und dort ist das Stromnetz ein grosses Problem», sagt Akyalçın. «Selbst wenn das Potenzial zur Elektrifizierung vorhanden wäre, ist es sehr schwierig, die nötige Netzleistung zu bekommen.» Für Flottenbetreiber ist diese Frage geschäftskritisch. Ein Depot mit mehreren Elektro-Lkw braucht Ladeleistung, Lastmanagement und Versorgungssicherheit. «Wer nicht laden kann, kann nicht fahren. Und wer zu langsam lädt, verliert operative Flexibilität.» Auch die Ladegeschwindigkeit bleibt ein Knackpunkt, denn lange Standzeiten passen oft nicht ins Einsatzprofil. «Einer der grössten Punkte unserer Kunden ist, dass sie nicht dasselbe Betriebsszenario wie mit Diesel nutzen können», sagt Akyalçın. All-in-one statt nur E-Truck BYD will deshalb nicht nur Fahrzeuge verkaufen, sondern ein Energiesystem rund um den Fahrzeugbetrieb aufbauen. Die Vision besteht aus drei Bausteinen: Solarenergie, BYD-Energiespeicher und Schnellladefähigkeit. Das Ziel: weniger Abhängigkeit vom Netz, mehr planbare Energiekosten und eine Ladeinfrastruktur, die den Betrieb unterstützt. «Wir nennen das eine All-in-one-Energielösung», erklärt Akyalçın. «Denn am Ende geht es nicht nur um den Lkw. Viele OEMs bauen Fahrzeuge. Wir wollen eine komplette Lösung liefern.» Die langfristige Vision ist ambitioniert: Laden soll sich anfühlen wie Tanken. Also schnell, unkompliziert, planbar. Europa-Händlernetz soll wachsen Neben Technologie und Produktportfolio braucht BYD in Europa vor allem Kundennähe. Deshalb werden zusätzlich zu den bestehenden lokalen BYD-Länderorganisationen – in der Schweiz ist das die BF Import AG in Rothenburg (siehe Kasten) – bereits Nutzfahrzeughändler gesucht. Denn im Nutzfahrzeuggeschäft entscheidet nicht allein das Produkt, sondern auch Beratung, Aufbaukompetenz, Finanzierung, Service, Ersatzteile, Reparaturzeiten und lokale Ansprechpartner. Das ist beim E-Truck umso wichtiger, denn er ist kein reines Beschaffungsobjekt, sondern verändert Energieplanung, Tourenprofile, Werkstattprozesse und Betriebskostenrechnung. So werden Händler nicht mehr nur Verkäufer, sondern Transformationspartner. Für BYD ist der Aufbau eines leistungsfähigen europäischen Vertriebs- und Servicenetzes daher zentral, wenn das Unternehmen im Lkw-Segment ernsthaft mitspielen will. Auf der IAA Transportation in Hannover (15. bis 20. Sept.) will BYD seine Europa-Expansion mit zusätzlichen Neuheiten weiter ankurbeln. Die Botschaft ist klar: BYD will den europäischen Nutzfahrzeugmarkt nicht nur beobachten, sondern angreifen. Der Konzern will seine Stärke aus Batterieproduktion, Energie- und Fahrzeugtechnologie in ein Gesamtsystem übersetzen. Für europäische Betreiber könnte das interessant werden. Für BYD beginnt damit in Europa eine neue Phase. Nach Pkw und Bussen rückt nun der elektrische Lkw ins Zentrum. Entscheidend wird sein, wie schnell Produkte, Händlernetz, Service und Energieinfrastruktur zusammenwachsen. Denn der Markt wartet nicht auf Visionen – er braucht Lösungen, die funktionieren. ■
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