Der E-Coach ist bereit

Fahrzeuge und Technik Ausgabe-02-2026

Neben der auffälligen Beklebung weisen vor allem die blauen Akzentlinien auf den elektrischen Antrieb hin. Der MAN Lion's Coach E soll bis 650 km weit kommen.

Mit dem Lion’s Coach 14 E enthüllte MAN auf der Busworld in Brüssel letzten Herbst eine der grossen Neuheiten. Basierend auf dem herkömmlichen Lion’s Coach lanciert MAN nun das Reisen per Elektro-Car der europäischen Hersteller. Produktionsstart ist im Herbst.

Elektro-Busse sind im Stadtbusbereich schon längst Alltag, Reisebusse hingegen sind diesbezüglich noch komplett Brachland. Vergangenen Sommer hatte Mercedes-Benz einen ersten Schritt in Richtung Elektro-Reisen getan, als Eurobus mit einem Prototypen des eIntouro-Überlandbusses die Paraderoute aus der Schweiz an den Europapark unter die Räder nahm. Das Serienmodell hat Mercedes dann auf der Busworld Anfang Oktober der Öffentlichkeit präsentiert. Ebenfalls auf der Busworld hat MAN das Tuch von seinem ersten Elektro-Reisebus gezogen, dem Lion’s Coach 14 E. Bei ihm führt MAN eine Reihe bestehender Elemente zusammen und bündelt sie zum ersten rein batterieelektrischen Reisebus eines europäischen OEM, der ab Herbst in der Türkei im Werk in Ankara in Produktion gehen wird.

Die Basis stellt der bewährte, bislang mit Dieselmotor bestückte Lion’s Coach, der für den neuen Antrieb auch aerodynamisch optimiert wurde. Die Antriebstechnik übernimmt MAN nicht etwa aus seinen Stadtbussen, sondern aus den ebenfalls für längere Einsätze zugeschnittenen E-Trucks. Die NMC-Batterien aus dem eigenen Batteriewerk in Nürnberg werden heute in Grossserie gefertigt. Aus Gewichtsgründen startet MAN beim Lion’s Coach E als Dreiachser, denn mit 27 t bleiben trotz des Batterienmehrgewichts genügend Reserven für das nötige Reisegepäck und ein bis zwei Zusatzbatterien.

Feinschliff

Eine geänderte Lichtsignatur und diverse in Blau gehaltene Akzente an der Front und entlang der Seite gehören zu den augenfälligen Änderungen, welche das Design des neuen Elektrobusses prägen. Neu gestaltet ist auch die Aluminium-Schwinge der B-Säule, die oben in elegantem Schwung nach vorne und nach unten knickt. Diese Art der Schwinge setzt MAN bereits seit 2019 auch als Kennzeichnung seiner Elektro-Stadtbusse ein.

Insgesamt erzielt MAN mit dem Feinschliff einen Luftwiderstandsbeiwert, der in der Grössenordnung eines SUV liegen soll. Dazu wurden vor allem am Heck Veränderungen vorgenommen. Der Dachspoiler wurde verlängert und optimiert, um so eine klar definierte Luftabrisskante zu erhalten. Mit dem gleichen Ziel wurden die seitlichen Flanken ebenfalls nach hinten verlängert. Und als optische Spezialität ragt die Heckscheibe weiter nach hinten als die Heckklappe.

Der Fahrgastraum, der in der vorgestellten Version bis zu 63 Passagiere aufnehmen kann, ist gewohnt gediegen gestaltet und bietet die üblichen Annehmlichkeiten wie Leseleuchten und Ladestecker für Smartphones und Tablets. Vor allem im Cockpit zeichnet MAN mit feinen blauen Linien die auch an der Aussenhaut angebrachten Akzentlinien fort. Beim Cockpit handelt es sich um das bewährte Digital-Cockpit, welches inzwischen bei allen Reisebussen des Konzerns verwendet wird. Dazu gehört auch das besonders bedienungsfreundliche SmartSelect-Konzept dazu, welches als zentrales Element einen grossen Dreh-Drück-Schalter besitzt.

Kraftvoll und emissionsfrei

Den ganzen Antriebsstrang setzt MAN mehrheitlich aus eigenen Komponenten zusammen. Das trifft u. a. auch auf den Synchron-Elektromotor eCD330 zu. Er liegt gut zugänglich im Heck und treibt ein bewährtes Hinterachsdifferenzial an. Das sichert sowohl ein optimales Packaging als auch optimale Robustheit. Das ebenfalls hauseigene TipMatic-4-Getriebe ist aus den E-Trucks bekannt und zeichnet sich durch kaum spürbare Lastwechsel und ruckarme, sehr rasche Schaltvorgänge aus. Dank verschieden wählbaren Fahrprogrammen lässt sich der Grad der Reaktion aufs Fahrpedal verändern, wobei die Funktionen «Segeln» und «One-Pedal-Drive» separat angewählt werden.

Zum Serienumfang gehören vier Batteriepakete im Heck, die sich um den Elektromotor herum gruppieren. Weitere, bis zu zwei Batteriepakete lassen sich vor der Antriebsachse unterbringen. Kommt diese Variante zur Anwendung, wird das Gepäckvolumen von maximal 13 auf noch immer gute 11 m3 reduziert. Mit 89 kWh Kapazität pro Batteriepack reicht die nutzbare Gesamtkapazität beim Lion’s Coach E von 320 bis 480 kWh und im Idealfall bietet der Elektro-Reisebus eine Reichweite von bis zu 650 km. Über die aktuell erhältlichen CCS-Ladestecker sind bis zu 375 kW Ladeleistung möglich und komplettes Nachladen dauert rund anderthalb Stunden. Doch ist der Bus bereits für Megawatt-Charging MCS vorbereitet und kann dannzumal vorerst mit bis zu 750 kW laden.

Somit liegt das aktuell bevorzugte Einsatzgebiet des Lion’s Coach E in der Kurz- und Mittelstrecke, womit sich Städtetrips, exklusive Tourismusangebote, Werkverkehr und Shuttledienste abdecken lassen. Spätestens mit dem Ausrollen der MCS-Ladeinfrastruktur dürfte auch die Langstrecke – und damit der traditionelle Reisebus-Einsatz – batterieelektrisch bewältigbar werden.

Die ersten ab Herbst produzierten Lion’s Coach E wird MAN als sogenannte «Early Fleet», frühe Flotte, an ausgewählte Pionierkunden in den europäischen Kernmärkten liefern. Zudem will MAN sein E-Coach-Angebot sukzessive erweitern und rechnet mittelfristig mit einer Kostenparität zum Dieselbus dank geringeren Energie-, Service- und Reparaturkosten.

Text: Martin Schatzmann
Fotos: MAN Truck & Bus

 

Lion’s Coach 14 E

– Dreiachser: 13,97 m lang, 2,55 m breit, 3,88 m hoch, 27,3 t.
– Kapazitäten: bis 63 Sitze + 1 Reiseleiter, 11 bis 13 m3 Gepäckraum.
– Antrieb: Zentralmotor MAN eCD330 mit 330 kW (449 PS), ca. 20 000 Nm am Rad, automatisiertes 4-Gang-Getriebe MAN TipMatic 4.
– Energiespeicher: modulares LiIon-Batteriesystem (NMC), 4 bis 6 Packs, 356 bis 534 kWh (netto 320 bis 480 kWh). Reichweite bis 650 km.