Der Wandel ist ein 360°-Projekt

Fahrzeuge und Technik Ausgabe-04-2026

Die E-Trucks von Iveco kommen als Sattelzugmaschine S-eWay Artic (links) und als Fahrgestelle S-eWay Rigid daher.

Mit seinem S-eWay steigt Iveco nun auch im schweren Segment mit Serienprodukten in die Elektromobilität ein. Doch weil sich auch bei Iveco die Elektromobilität nicht auf das Fahrzeug beschränkt, haben die Italiener eine spezielle Veranstaltung entwickelt: An diesen Electric Days wird potenziellen Kunden der nötige E-Input vermittelt.

«Die Veränderung in unserem Sektor ist so gross wie noch nie», sagt Olof Persson, CEO der Iveco Group. Für eine erfolgreiche Transformation sei daher eine sektorübergreifende Zusammenarbeit Voraussetzung. Doch obwohl Persson die Elektrifizierung als den Weg vorwärts bezeichnet, hält Iveco an seiner Multi-Energie-Strategie fest. «Der Natur ist es egal, wo die CO2-Reduktion herkommt», unterstreicht auch Luca Sra, verantwortlich für den Lkw-Sektor bei Iveco. Ähnlich wie Volvo Trucks (Seite 21) investiert Iveco zwar hohe Summen in die batterie-elektrische Mobilität, arbeitet aber auch an Brennstoffzellen-Trucks, ist ein wichtiger Partner für Gastriebwerke und sorgt für die Möglichkeit, bei den Dieselmotoren erneuerbare Treibstoffe einsetzen zu können, wie HVO und Biodiesel. «Wir brauchen diesen breiten Ansatz, denn der E-Truck wird nicht die ‹Silver Bullet› – das Wundermittel – aller Umweltprobleme», meint Luca Sra. Persson und Sra sprachen auf einem Anlass in Turin, wo den Jury-Mitgliedern von Truck of the Year und von Van of the Year die neusten Fahrzeuge und der spezielle Kundenevent «Electric Days» vorgestellt wurden.

Die «Electric Days» hat Iveco mit Blick auf den Wandel entwickelt, welchen die Elektromobilität für Lkw- und Flottenbesitzer mit sich bringt. Das umfangreiche Ecosystem, das Iveco aufgebaut hat, umfasst die Unterstützung in Bezug auf die Ladestationen, die Energiezufuhr, die Finanzierung und die integrierten Mobilitätslösungen. Ganz abgesehen natürlich von den Fahrzeugen, die wie bisher den individuellen Bedürfnissen der Kunden angepasst werden können.

Gleich – und doch verschieden

Im leichten Segment hatte Iveco mit dem eDaily bereits früh die Bühne der Elektrolieferwagen betreten und kann entsprechend auf eine lange Erfahrung zurückgreifen. Nun wurde das Angebot durch die Zusammenarbeit mit Hyundai und Stellantis um drei Modellreihen erweitert. Und endlich kommt auch Bewegung ins schwere Segment, in Form des Iveco S-eWay.

Um die unterschiedlichen Bedürfnisse von regionalem Verkehr und Langstrecke abdecken zu können, bietet Iveco den S-eWay in zwei Ausrichtungen an, welche die Bezeichnungen «Artic» und «Rigid» tragen. Artic ist die Kurzform aus dem Italienischen veicoli articulati, Gelenkfahrzeug, und ist die Bezeichnung für die Sattelzugmaschine. Rigid kommt von fest, starr und wird in anderen Sprachen ebenfalls als Bezeichnung für die Fahrgestelllösungen benutzt.

Optisch wie technisch unterscheiden sich «Artic» und «Rigid» in vielen Belangen, sind aber auch in etlichen Belangen gleich. Wichtigste Gemeinsamkeit ist die leistungsstarke eAchse von FPT (eAX 840-R), welche zwei Elektromaschinen und ein 1-Gang-Getriebe vereint. Sie bietet eine Dauerleistung von 480 kW und bis zu 840 kW Spitzenleistung.

Iveco S-eWay Artic

Auffällig beim «Artic» ist die aerodynamisch geformte Kabine, welche während der Zusammenarbeit mit dem US-Start-up Nikola entwickelt wurde. Sie verringert grundsätzlich den Verbrauch, was sie auch für die Langstreckenmodelle mit Verbrennungsmotor interessant machen würde. Die Gesetzesvorgaben erlauben bei aerodynamischen Kabinen mehr Fahrzeuglänge, um Technologie und Batterien unterbringen zu können. Entsprechend hat Iveco beim «Artic» den Radstand verlängert, um den nötigen Platz im Chassis für die Batterien zu schaffen. Beim «Artic» setzt Iveco auf LFP-Zellen und auf eine Betriebsspannung von 720 Volt. Die LFP-Zelle bietet zwar etwas weniger Energiedichte, als beispielsweise die NMC-Zellen, die im «Rigid» zum Einsatz kommen, dank geringerer Verluste stehen von den 603 kWh Bruttokapazität der verbauten drei Batteriepacks beachtliche 585 kWh Nettokapazität zur Verfügung. Diese ermöglicht gemäss Iveco über 600 km Reichweite, was in Kombination mit der aktuellen Ladeleistung von 350 kW zu zeitgemäss guter Autonomie führt.

Iveco gewährt für diese Batterie eine hohe Garantielaufzeit. Mindestens 80 % der Kapazität sollen nach sechs Jahren oder 750 000 km mindestens noch vorhanden sein, was umgerechnet etwa 1200 MWh Verbrauch entspricht. Die Garantie lässt sich verlängern auf zehn Jahre oder 1,25 Mio. km, mit garantierter Restkapazität von 70 %.

Iveco S-eWay Rigid

Während der «Artic» einzig als 4×2 gebaut wird, ist der «Rigid» als Zwei- und als Dreiachser erhältlich und wird mit der traditionellen Kabine bestückt. Die Wahl besteht aus einer Day- und einer Sleeper-Cab mit 2,3 m Breite sowie einer breiten 2,5-m-Sleeper-Cab. Je nach Einsatz kann zwischen drei unterschiedlichen Grössen der NMC-Batterie gewählt werden: 280 kWh Kapazität mit vier Batteriepacks, 350 kWh mit fünf Packs sowie 490 kWh mit sieben Batteriepacks. Letztere ermöglicht Reichweiten bis 400 km, die aber stark vom Einsatzprofil und von zusätzlichen Verbrauchern abhängt.

Drei unterschiedliche PTO-Lösungen versorgen die verschiedensten Aufbaulösungen. Der Niedervolt-ePTO reicht beispielsweise für den Betrieb einer Hebebühne. Für Kühlaggregate dient der 20-kW-ePTO mit 400 V Wechselspannung (AC), der bei Anhängerzügen mit 2×20 kW erhältlich ist. Den hohen Energiebedarf, beispielsweise von Abfallsammelfahrzeugen, deckt der mechanische ePTO mit 60 kW Leistung (Gleichstrom DC) ab.

Auch für die NMC-Batterie des «Rigid» gewährt Iveco sechs Jahre Garantie. Dabei unterscheidet Iveco jedoch die Batteriegrössen, denn mit vier Packs sind es sechs Jahre oder 70 000 km, bei fünf Packs sechs Jahre oder 80 000 km und bei sieben Packs sechs Jahre oder 100 000 km. Auch beim «Rigid» lässt sich die Batteriegarantie auf zehn Jahre verlängern.

Der leise Genuss für unterwegs

Mit dem modernen Digitalcockpit kommen S-Way-Chauffeure ohne grosse Angewöhnung mit den Elektro-Trucks zurecht. Auf ersten, eher kurzen Erprobungskilometern gaben sich sowohl «Artic» wie «Rigid» sehr leistungsfähig, was bei 840 kW Peakleistung – was umgerechnet mehr als 1140 PS sind – nicht verwundert. Zugleich aber überzeugte die gut dosierbare und dadurch angenehme Leistungsentfaltung. Das Besondere ist jedoch die geringe Geräuschentwicklung in der Kabine, wie sich dies inzwischen als grosser Pluspunkt der Elektromobilität etabliert hat. Die Stille verlangte aber nach zusätzlichen konstruktiven Massnahmen, damit die bislang durch die Dauervibrationen des Dieselmotors übermalten Störgeräusche weiterhin nicht hörbar sind.

Gate und diverse neue Leichte

Ein Teil des eingangs erwähnten Ecosystems ist auch die spezielle Finanzierungslösung, um den Übergang in die neue Antriebstechnologie umfassend zu erleichtern. Im Joint Venture Gate, das Iveco zusammen mit De Lage Landen International DLL gegründet hat, wird eine Langzeit-Mietformel angeboten, die nach dem Pay-per-use-Prinzip funktioniert. Ergänzt durch die Unterstützung bei der Beschaffung von Ladeinfrastruktur und der nötigen Energie soll die Schwelle für den Wechsel auf elektrisch möglichst niedrig gehalten werden. Gate ist dabei nicht auf die schweren Fahrzeuge, wie dem S-eWay «Artic» oder «Rigid» beschränkt, sondern kann für die gesamte Palette der Iveco-Elektrofahrzeuge genutzt werden, wie auch die neuen E-Lieferwagen.

Bei Letzteren arbeitet Iveco mit Hyundai und mit Stellantis zusammen. Aus der Hyundai-Kooperation entstammt der eMoovy, mit welchem Iveco eine Marktlücke abdecken kann. Der eMoovy ist einzig als elektrisches Chassis-Cab-Modell für die niedrige Gewichtsklasse im Angebot. Der eMoovy ist der erste leichte Elektro-Iveco, der die 800-Volt-Technologie nutzt und neben 76 kWh Batteriekapazität auch eine aussergewöhnliche Ladeleistung von 350 kW zulässt.

Mit dem eJolly und dem eSuperjolly kommen zwei weitere Modellreihen dazu, die zwischen eMoovy und eDaily angesiedelt sind. Dabei handelt es sich um gebadgte Vans der mehrfach bewährten Stellantis-Lieferwagen, die beispielsweise als Fiat E-Scudo (Iveco eJolly) und als Fiat E-Ducato (Iveco eSuperjolly) auf dem Markt sind.

Text: Martin Schatzmann
Fotos: Iveco / Martin Schatzmann