Europa im Visier – BYD will E-Trucks vorantreiben

Fahrzeuge und Technik Ausgabe-06-2026

Der ETM6 (7,5 t) bietet 3,8 t Nutzlast und fährt auf einer Batterieladung rund 220 km weit.

BYD Europe stellte auf der Handelsblatt-Jahrestagung Nutzfahrzeuge 2026 in München seine Nutzfahrzeugstrategie für Europa vor – mit E-Trucks, Batterietechnologie, Ladeinfrastruktur, Energiespeichern und einem wachsenden Händlernetz. Wir haben mit Barış Akyalçın, Head of E-Truck Department Europe, gesprochen.

Der chinesische Technologiekonzern BYD, in Europa längst durch Elektrobusse und Pkw sichtbar, will nun auch im Lkw-Segment stärker Fuss fassen. Und zwar nicht nur mit batterieelektrischen Lkw, sondern mit einem grösseren Konzept: Fahrzeug, Batterie, Ladeinfrastruktur, Energiespeicher und erneuerbare Energien sollen zusammengedacht werden. «Wir sehen eine klare Transformation: vom dieseldominierten Markt hin zu alternativen Energien», sagt Barış Akyalçın, Head of E-Truck Department Europe bei BYD Europe. «Die Herausforderung besteht heute darin, diesen Wandel für den realen Betrieb machbar und bezahlbar zu machen.»

Der Wille zur Elektrifizierung ist in vielen Bereichen vorhanden. Besonders im urbanen Verteilerverkehr, bei kommunalen Anwendungen, in Häfen, auf Betriebshöfen, in der Intralogistik und bei planbaren Tagesrouten wächst der Druck. Umweltzonen, CO2-Vorgaben, Kundenerwartungen und eigene Nachhaltigkeitsziele zwingen Betreiber zum Handeln.

Doch zwischen politischem Ziel und betrieblicher Realität liegt eine grosse Lücke. Elektro-Lkw müssen verfügbar sein, bezahlbar bleiben und in bestehende Abläufe passen. Genau hier liegt laut BYD die eigentliche Hürde. «Wenn wir über elektrische Nutzfahrzeuge sprechen, geht es nicht nur darum, ein Fahrzeug zu liefern. Es geht um das gesamte Ökosystem.» Denn viele Flottenbetreiber stehen vor denselben Fragen: Wie hoch sind die Investitionen? Wann erreicht der Elektro-Lkw TCO-Parität? Wie schnell kann geladen werden? Reicht der Netzanschluss? Was passiert, wenn Energiepreise schwanken? Und wie lässt sich ein batterieelektrischer Lkw einsetzen, ohne die gesamte Disposition neu zu erfinden? Für Akyalçın ist klar: Die Branche braucht Lösungen, die wirtschaftlich, technologisch belastbar und operativ realistisch sind.

Kein klassischer Fahrzeugbauer

BYD positioniert sich dabei bewusst anders als viele etablierte Nutzfahrzeughersteller. Das Unternehmen versteht sich nicht nur als OEM, sondern als Technologieanbieter mit eigener Wertschöpfungstiefe. Batterien, Elektromotoren, Steuerungselektronik und Halbleiter kommen aus dem eigenen Konzernverbund. Diese vertikale Integration soll BYD helfen, Kosten, Technologie und Verfügbarkeit besser zu kontrollieren.

«Die kritischen Komponenten eines Elektrofahrzeugs kommen aus unserer eigenen Lieferkette», sagt Akyalçın. Ein zentrales Element ist dabei die sogenannte Blade Battery, die BYD bereits im Pkw-Bereich bekannt gemacht hat. Diese Batterietechnologie wird inzwischen auch bei Bussen und Lkw eingesetzt. Für BYD ist sie der Kern der Nutzfahrzeugstrategie: langlebig, sicher und auf hohe Belastungen ausgelegt. «Die Batterie ist das Herz des Elektrofahrzeugs», so Akyalçın. «Gerade bei hohen Ladeleistungen muss sie eine lange Lebensdauer, Sicherheit und Effizienz bieten.»

Vom Bus zur Lkw-Offensive

In Europa ist BYD im Nutzfahrzeugbereich kein völlig neuer Name. Laut Akyalçın sind in Europa und Grossbritannien bereits mehr als 7000 BYD-Busse im Einsatz. Auch im Nutzfahrzeugbereich verweist BYD auf globale Erfahrung: Mehr als 120 000 E-Nutzfahrzeuge sollen weltweit unterwegs sein. Jetzt folgt der nächste Schritt: elektrische Transporter, Verteiler-Lkw, Spezialfahrzeuge für Häfen, Flughäfen, Minen, Kommunen und geschlossene Betriebsgelände. BYD fasst diese Strategie unter dem Begriff «7 plus 4» zusammen – sieben klassische Fahrzeuganwendungen und vier spezielle Einsatzbereiche.

Für Europa will BYD das Nutzfahrzeugportfolio breiter aufstellen und in mehreren Segmenten sichtbar werden. Besonders interessant sieht BYD jene Anwendungen, in denen planbare Routen, Depotladung und feste Einsatzprofile die Elektrifizierung erleichtern.

Das Netz wird zur Schlüsselfrage

Doch selbst der beste E-Lkw bringt wenig, wenn die Energie nicht verfügbar ist. Gerade hier hat Europa einen der grössten Engpässe. So sind beispielsweise in den Niederlanden die Netzkapazitäten vielerorts bereits heute ein massives Thema. «Ich lebe in den Niederlanden, und dort ist das Stromnetz ein grosses Problem», sagt Akyalçın. «Selbst wenn das Potenzial zur Elektrifizierung vorhanden wäre, ist es sehr schwierig, die nötige Netzleistung zu bekommen.»

Für Flottenbetreiber ist diese Frage geschäftskritisch. Ein Depot mit mehreren Elektro-Lkw braucht Ladeleistung, Lastmanagement und Versorgungssicherheit. «Wer nicht laden kann, kann nicht fahren. Und wer zu langsam lädt, verliert operative Flexibilität.» Auch die Ladegeschwindigkeit bleibt ein Knackpunkt, denn lange Standzeiten passen oft nicht ins Einsatzprofil. «Einer der grössten Punkte unserer Kunden ist, dass sie nicht dasselbe Betriebsszenario wie mit Diesel nutzen können», sagt Akyalçın.

All-in-one statt nur E-Truck

BYD will deshalb nicht nur Fahrzeuge verkaufen, sondern ein Energiesystem rund um den Fahrzeugbetrieb aufbauen. Die Vision besteht aus drei Bausteinen: Solarenergie, BYD-Energiespeicher und Schnellladefähigkeit. Das Ziel: weniger Abhängigkeit vom Netz, mehr planbare Energiekosten und eine Ladeinfrastruktur, die den Betrieb unterstützt.

«Wir nennen das eine All-in-one-Energielösung», erklärt Akyalçın. «Denn am Ende geht es nicht nur um den Lkw. Viele OEMs bauen Fahrzeuge. Wir wollen eine komplette Lösung liefern.» Die langfristige Vision ist ambitioniert: Laden soll sich anfühlen wie Tanken. Also schnell, unkompliziert, planbar.

Europa-Händlernetz soll wachsen

Neben Technologie und Produktportfolio braucht BYD in Europa vor allem Kundennähe. Deshalb werden zusätzlich zu den bestehenden lokalen BYD-Länderorganisationen – in der Schweiz ist das die BF Import AG in Rothenburg (siehe Kasten) – bereits Nutzfahrzeughändler gesucht. Denn im Nutzfahrzeuggeschäft entscheidet nicht allein das Produkt, sondern auch Beratung, Aufbaukompetenz, Finanzierung, Service, Ersatzteile, Reparaturzeiten und lokale Ansprechpartner. Das ist beim E-Truck umso wichtiger, denn er ist kein reines Beschaffungsobjekt, sondern verändert Energieplanung, Tourenprofile, Werkstattprozesse und Betriebskostenrechnung. So werden Händler nicht mehr nur Verkäufer, sondern Transformationspartner. Für BYD ist der Aufbau eines leistungsfähigen europäischen Vertriebs- und Servicenetzes daher zentral, wenn das Unternehmen im Lkw-Segment ernsthaft mitspielen will. Auf der IAA Transportation in Hannover (15. bis 20. Sept.) will BYD seine Europa-Expansion mit zusätzlichen Neuheiten weiter ankurbeln.

Die Botschaft ist klar: BYD will den europäischen Nutzfahrzeugmarkt nicht nur beobachten, sondern angreifen. Der Konzern will seine Stärke aus Batterieproduktion, Energie- und Fahrzeugtechnologie in ein Gesamtsystem übersetzen. Für europäische Betreiber könnte das interessant werden.

Für BYD beginnt damit in Europa eine neue Phase. Nach Pkw und Bussen rückt nun der elektrische Lkw ins Zentrum. Entscheidend wird sein, wie schnell Produkte, Händlernetz, Service und Energieinfrastruktur zusammenwachsen. Denn der Markt wartet nicht auf Visionen – er braucht Lösungen, die funktionieren.

Text: Florian Engel (IToY) 
Fotos: Martin Schatzmann / Florian Engel / BYD

 

Etwas Geduld ist gefragt

 

Pascal Job begrüsst die Bestrebungen von BYD, stärker mit E-Trucks in Europa Fuss fassen zu wollen. Job ist Geschäftsführer der BF Import AG in Rothenburg, die neben Ford Trucks auch BYD-Lastwagen in die Schweiz importiert. Dass BYD alle relevanten Technologiekomponenten selbst entwickelt und produziert, sieht Job als grossen Vorteil. Aus der Erfahrung mit den ersten BYD-Trucks in der Schweiz weiss er: «Die Antriebsstränge der Fahrzeuge funktionieren einwandfrei.» Dies sei der vertikalen In-House-Entwicklung und -Produktion der einzelnen Komponenten von BYD Trucks zu verdanken. «Die Komponenten kommunizieren daher mit der gleichen Sprache resp. Software, weshalb Störungen oder Fahrzeugstillstände unbekannt sind.» Weiterentwickeln müsse BYD hingegen das Angebot der Batterievarianten, denn «heute ist jener OEM mit E-Trucks erfolgreich, welcher die höchste Batteriekapazität und -variabilität vorweisen kann». Gegenüber den europäischen Mitbewerbern sieht Job beim BYD ETM6 wie beim ETH8 noch Aufholpotenzial im Fahrerhaus bei Materialwahl und Ausstattungsvarianten. Job ist überzeugt, dass BYD das Know-how und die Leidenschaft mitbringt, um wie beim Personenwagen auch beim Nutzfahrzeug zum grossen Player zu werden.

Martin Schatzmann