Nach 1992, dem Ende des Ford Cargo aus britischer Produktion, wurde es in unseren Gefilden lange sehr ruhig um Lastwagen der amerikanischen Marke. Erst das neue Modell F-Max, das 2018 enthüllt wurde, brachte wieder Schwung ins Thema. Treibende Kraft hinter dem F-Max war und ist Ford Otosan, ein Joint Venture der Ford Motor Company und der türkischen Gruppe Koç. Neben Lastwagen entwickelt und produziert Ford Otosan in der Türkei übrigens auch die erfolgreichen Lieferwagen Ford Transit und Tourneo.
Mit dem F-Max hat Ford eine Sattelzugmaschine entwickelt, die über einer älteren, heute als F-Line produzierten Lkw-Reihe positioniert ist. Ford Otosan respektive Ford Trucks war bis zur F-Max-Lancierung kaum im westlichen Europa anzutreffen, unternimmt nun aber seither viel, um hier zur festen Grösse zu werden. 2019 wurden Portugal und Spanien die ersten westlichen Märkte mit offizieller Ford-Trucks-Vertretung, danach wuchs das Händler- und Servicenetz in West- und Zentraleuropa sukzessive an. 2024 war es auch in der Schweiz so weit: Für die Importaufgabe der Ford Trucks (und von BYD Trucks) hatte die bekannte Auto AG Group in Rothenburg die neue Geschäftseinheit BF Import AG gegründet.
Viele Eigenentwicklungen
Der 2018 vorgestellte F-Max war bereits mit sehr vielen, von Ford Otosan selbst entwickelten Komponenten versehen, wie Motor und Kabine. Der 500 PS leistende 12,7-l-Ecotorq-Reihensechszylinder war anfangs noch mit einem automatisierten 12-Gang-ZF-Getriebe gekoppelt, heute nutzt Ford eine Getriebe-Eigenentwicklung, mit notabene 16 Vorwärts- und 4 Rückwärtsgänge. Mit dem Fokus auf Eigenentwicklungen will Ford Trucks besser auf Kundenwünsche reagieren und diese flexibler umsetzen können.
Dass Ford mit dem F-Max von Beginn weg eine solide Basis geschaffen hatte, belegt die Tatsache, dass der Truck 2018 auch uns von der Jury des International Truck of the Year IToY überzeugte. Leistungsfähigkeit, Sparsamkeit, Raum- und Fahrkomfort sowie die durchdachte Bedienung katapultierten den Ford F-Max im Herbst 2018 an die Spitze der Kandidaten für den IToY-Award 2019. Seither hat Ford den F-Max in verschiedenen Bereichen weiterentwickelt und er wird heute als F-Max Gen2.0 angeboten. Mit diesem Fahrzeug sind wir auf unsere Testroute, welche auf knapp 200 Kilometern entlang des Jura-Südfusses, durchs Berner Seeland und hinter die ersten Jura-Hügelzüge führt.
Zeitgemäss modern
Für den Gen2.0 hat Ford unterschiedlichste Bereiche optimiert. So wird der Luftwiderstand u. a. mittels Kamerarückspiegel reduziert, was zusammen mit dem optimierten Antriebsstrang zu einer um bis zu 11,3 % verbesserten Effizienz verhilft respektive für bis zu 11,3 % weniger Verbrauch sorgt. Der Motor – mit neu 510 PS und 2600 Nm – erhielt ein neues Einspritzsystem mit Waste-Gate-Turbo (bisher variable Geometrie) und eine aktive Ölpumpe. Im Getriebe mit neuer Steuerungselektronik ist der 16. Gang kein Direktgang mehr, sondern ein Overdrive, und die Hinterachse ist länger übersetzt (2,31:1). Das mag auf der Langstrecke und bei leichtem Gefälle gut funktionieren, auf dem abwechslungsreichen Testparcours war bei unserem 40-t-Sattelzug der Overdrive nie aktiv und das Getriebe hat maximal bis in den 15. Gang hochgeschaltet. Aber der Reihe nach.
In der Kabine findet man sich rasch zurecht. Die Anzeigen bestehen neu aus einem gestochen scharfen 12-Zoll-Digital-Hauptinstrument, einem grossen 12,4-Zoll-Multimedia-Display und zwei senkrecht stehenden Monitoren für die Spiegelkameras. Neben dem neuen Multifunktionslenkrad sorgt Ford mit drei Drehreglern für Lüftung, Temperatureinstellung und Lautstärke für hohen Bedienkomfort und – dank guter Ablesbarkeit der Anzeigen – für eine geringe Ablenkung.
Auch beim Ford haben wir uns rasch an sein Spiegelkamera-System F-Sight gewöhnt. Besonders auf Kreuzungen und in engen Kurven fällt die automatische Nachfolgefunktion der Kamera (AutoPanning) positiv auf, welche es ermöglicht, in diesen Situationen das Heck ohne Halsverrenken im Blick zu behalten. Als Spezialität funktioniert Panning beim F-Max auch beim Rückwärtsmanövrieren, und die praktischen Hilfslinien in den Monitoren müssen vom Chauffeur nicht selbst manuell erfasst werden, sie werden vom System mittels KI-Einsatz nach wenigen Metern automatisch festgelegt. Auf Wunsch sind für den F-Max aber weiterhin traditionelle Aussenspiegel erhältlich.
Bereits nach kurzer Fahrt gefallen Motor und Getriebe als gut eingespielte Einheit und es fällt positiv auf, dass die automatisierte Gangwahl stets zum gefahrenen Manöver passt. Die Gangwechsel erfolgen ruckarm und zügig, und selbst bei kurzfristigen Lastwechseln an der Kreuzung bleibt die Gangwahl dezidiert und ohne zögerliche Gedenksekunde. Der durchzugskräftige Motor ist zwar hörbar, wirkt aber gleichwohl in der gut gegen Geräusche isolierten Kabine nie störend. Das Gleiche gilt auch für die leichten Motorvibrationen, die der 12,7-l-Diesel erzeugt, wenn er niedertourig unter hoher Last die Fuhre vorwärtstreibt; sie vermitteln höchstens das gute Gefühl kraftvoller Souveränität.
Spürbare Unterschiede
Bei der elektrohydraulischen Lenkung und der Steuerung des Antriebsstranges sind mehrere Modi programmiert und auswählbar, die sich jeweils deutlich unterscheiden. Bei der Antriebssteuerung EHPS kann zwischen «Eco», «Normal» und «Power» umgeschaltet werden. Ist «Eco» aktiviert, wird die Motorleistung auf 450 PS begrenzt, die Kick-down-Funktion deaktiviert und in der vorausschauenden Fahrunterstützung MaxCruise wird die Eco-Roll-Funktion aktiviert. Besonders gut sichtbar werden dann Unterschiede auf der Transjuranne A16, und zwar auf der langen Tunnel-Steigung am Pierre Pertuis: Für die 5,1 km lange Strecke von La Heutte nach Tavannes benötigen wir in «Eco» exakt 4’48“ und verbrauchen vier Liter Diesel. Mit «Power» sind wir fast eine halbe Minute schneller (27 Sek.), verbrauchen aber einen ganzen Liter Diesel mehr. Deutliche Zahlen also, die auch spürbare Auswirkungen auf die TCO haben können. Entsprechend hilft es einem Unternehmen, Mehrverbrauch und kürzere Reisezeit sorgfältig abzuwägen, um das Maximum für seine Einsatzzwecke aus dem Fahrzeug herausholen zu können und um Überraschungen zu vermeiden.
Bei der gefühlvollen und gute Rückmeldung bietenden elektrohydraulischen Lenkung bestehen die Modi aus leichtgängigem «Komfort», regulärem «Ausgeglichen» und steiferem «Stabil». Welchen Modus man vorzieht, ist eher Geschmacksache, wir sind jeweils längere Strecken in den einzelnen Einstellungen gefahren, um schliesslich zu «Ausgeglichen» zurückzukehren, da dies für uns sowohl auf kurviger Strecke und beim Manövrieren als auch beim Cruisen auf der Autobahn den besten Kompromiss bietet.
Ebenfalls zu den Neuerungen gehört die Option einer luftgefederten Vorderachse. Sie sorgt für gutes Absorbieren von Unebenheiten und Schlägen, ist aber vor allem auch um 30 kg leichter als die Serienparabelfederung.
Viele gute Komfortfeatures
Bei vielen Funktionalitäten hat Ford beim F-Max nachgerüstet. Dank Keyless-Start wird der Motor per Taste gestartet, während der Schlüssel in der Hosentasche bleibt. Der früher grobe Hebel für die Feststellbremse ist verschwunden und einem grossen Taster für die elektronische Parkbremse gewichen. Die neue Parkbremse bietet zudem eine Auto-Hold-Funktion, sodass bei längerem Stillstand der Fuss vom Bremspedal genommen werden kann, da sich dann die Bremse erst beim Betätigen des Fahrpedals wieder löst.
Leben und Schlafen an Bord werden durch ein neues Beleuchtungssystem mit LED-Leuchten, eine neue Bedienung per Touchfeld am Bett und durch zahlreiche, voluminöse Staufächer erleichtert. Ein beinahe ebener Innenboden, über 2,1 m Stehhöhe und eine zwischen 70 und 80 cm breite untere Matratze sorgen für ein angenehmes Umfeld auf mehrtägigen Touren. Die obere, hochgeklappte Matratze lässt sich zudem in zwei Stufen herunterklappen (45° und 90°).
Über das Bedienfeld am Bett können unter anderem auch die Spiegelkameras aktiviert werden, um nachts verdächtige Aktivitäten rund ums Fahrzeug zu kontrollieren. Und spezielle mechanische MaxLock-Verriegelungen sichern zusätzlich die Türen von innen, wenn der Fahrer in der Kabine schläft.
Auch LowLiner und Langstrecke
Neben dem Standard-Truck bietet Ford den F-Max in zwei weiteren, spezifischen Versionen an, zum einen den F-Max L für Langstreckeneinsätze, zum anderen den LowLiner F-Max LL für die Automotive-Logistik. Bei gleichem Radstand wie das Standardmodell (3600 mm) hat der LL etwas mehr hinterer Überhang, aber vor allem 980 mm Sattelhöhe (Standardhöhe: 1100 mm). Die zusätzlichen 150 mm Radstand beim Langstreckenmodell werden vor allem für die Tanks benötigt. So bietet der L mit 750 und 600 Litern ein Gesamttankvolumen von 1350 Litern. Beim Standard-F-Max sind es 600 Liter und zusätzlich optionale 450 Liter (LowLiner 510 und 410 Liter, total 920 Liter).
Um die Sattelzugmaschine möglichst universell anbieten zu können, rüstet die BF Import AG auf Wunsch den F-Max mit zusätzlichen Finessen aus. So kann beispielsweise der erste Tritt, der ab Werk im schmutzempfindlichen Grau daher kommt, durch eine trittfeste, schwarze und weniger schmutzempfindliche Version ersetzt werden. Oder an der Aussenrückwand der Kabine werden auf Wunsch diverse Zusatzstecker (Cekon-Lade- und/oder Nato-Steckdose) auf einer hochwertigen Inox-Halterung montiert.
Natürlich ist der neuste F-Max mit allen modernen, inzwischen obligatorischen Fahrerassistenzsystemen ausgestattet. Dazu kommt eine universelle Vernetzung mittels ConnecTruck, was unter anderem eine Fernortung (online und per App) und Updates-over-the-Air ermöglicht, aber auch das Fernauslesen von Fahrerkarte und Fahrtenschreiber. ConnecTruck ist zudem die Basis für Predictive Maintenance.
Insgesamt bestätigt die Testfahrt, weshalb wir vor acht Jahren den F-Max in der Jury zum Truck of the Year 2019 gewählt hatten. Guter Fahr- und Kabinenkomfort, kraftvoller, harmonischer Antriebsstrang und hohe Effizienz – und das zu einem höchst attraktiven Preis. Nun warten wir gespannt auf die mit Iveco gemeinsam entwickelte neue Kabine, die in ein, zwei Jahren in der Branche für Furore sorgen dürfte.
Text: Martin Schatzmann
Fotos: Schatzmann / Ford
Details zum Ford F-Max Gen2.0
Dimensionen
L×B×H 5,877×2,54×3,962 m; Radstand 3,60 m; Sattelhöhe 1,10 m; Tank 600 l, opt. Zusatztank 450 l.Kabine Innenmasse
Länge 2,316 m; Breite 2,16 m; Stehhöhe 2,16 m.Antriebsstrang
12,7-l-Sechszylinder, 375 kW (510 PS), 2600 Nm; Retarder 450 kW, 3800 Nm; automatisiertes 16-Gang-Getriebe mit neuer Software und Overdrive; Hinterachse 2,31:1 (auch 2,47:1 erhältlich).Ausstattung (Auszug)
Spiegelkamera-System, Digital-Cockpit, Keyless-Start, elektr. Parkbremse mit Auto-Hold, Wireless Charging für Smartphones, el.-hydr. Lenkung usw.Finanzielles
Grundpreis ab 88 000 Franken (ohne MwSt.), Garantie 3 Jahre oder 450 000 km, umfassender Premium-Wartungsvertrag durch BF Import AG möglich.www.f-trucks.ch













