Der Strassengüterverkehr in der Schweiz hat sich strukturell stark verändert. Während die Zahl der Transportunternehmen zwischen 2011 und 2021 um 17 Prozent zurückging, stieg die Beschäftigung gleichzeitig um 9 Prozent. Das deutet auf eine zunehmende Konzentration hin: Kleine Betriebe verschwinden, während grössere Unternehmen wachsen. Diese Entwicklung ist kein Zufall. Denn: Politische Massnahmen wie die leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe (LSVA), strengere Umweltauflagen und die Angleichung an europäische Vorschriften setzen die Branche unter Druck. Gleichzeitig sorgt eine gewisse Liberalisierung des Marktes, trotz Kabotageverbot, für mehr Wettbewerb – insbesondere durch ausländische Anbieter.
Gewinner und Verlierer
Die Studie zeigt dazu ein klares Bild: Grosse Transportunternehmen können die neuen Anforderungen besser bewältigen. Sie investieren in Digitalisierung, kombinierte Verkehrssysteme und ökologische Innovationen. Kleine und mittlere Betriebe hingegen kämpfen oft ums Überleben. Steigende Kosten, komplexe Vorschriften und teure Investitionen – etwa in umweltfreundliche Fahrzeuge – belasten sie laut dieser Studie überproportional. Ein besonders einschneidender Faktor ist die LSVA: Für manche Unternehmen macht sie bis zu 30 Prozent der Fixkosten aus. Während grosse Firmen diese Belastung teilweise an Kunden weitergeben können, fehlt kleineren Betrieben häufig diese Möglichkeit.
Effizienz und Überwachung
Mit der Modernisierung der Branche hält auch die Digitalisierung Einzug. Elektronische Tachografen, GPS-Systeme und komplexe Planungssoftware ermöglichen eine präzisere Steuerung von Transporten. Doch die technischen Fortschritte haben ihren Preis: Sie führen zu stärkerer Kontrolle und weniger Autonomie für die Chauffeusen und Chauffeure. Die Arbeit wird zunehmend standardisiert und überwacht – ein Wandel, der nicht von allen positiv bewertet wird. So zeigt die Untersuchung ein ambivalentes Bild der Arbeitsrealität. Viele Chauffeure schätzen weiterhin die Freiheit ihres Berufs und dessen gesellschaftliche Bedeutung. Gleichzeitig berichten zahlreiche Befragte von einer spürbaren Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen. Drei Entwicklungen stechen besonders hervor:
– Intensivierung der Arbeit: mehr Aufgaben und höhere Komplexität.
– Verlust an Autonomie: weniger Entscheidungsspielraum durch Vorgaben und Technik.
– Sinnverlust: Die Arbeit wird stärker durch Effizienzdenken geprägt. Trotzdem bleibt die Leidenschaft für den Beruf ein zentraler Antrieb.
Die Studie unterscheidet drei Gruppen von Chauffeuren und Chauffeusen:
– Desillusionierte: Sie erleben den Beruf zunehmend negativ.
– Gemässigte Enthusiasten: Sie sehen die Arbeit vor allem pragmatisch.
– Kompromisslose Enthusiasten: Sie identifizieren sich stark mit dem Beruf, oft auf Kosten von Gesundheit und Privatleben.
Weniger Gemeinschaft
Diese Typologie mit drei Gruppen zeigt, wie unterschiedlich Menschen auf die gleichen Veränderungen reagieren. Besonders bemerkenswert ist der Wandel der beruflichen Identität. Die traditionelle Gemeinschaft der Fernfahrer verliert an Bedeutung. Stattdessen rücken Unternehmen oder das Privatleben stärker in den Fokus der Identifikation. Die Studie spricht von einem schleichenden Verlust des Gemeinschaftsgefühls – ein Zeichen dafür, dass sich nicht nur Arbeitsbedingungen, sondern auch das Selbstverständnis der Chauffeure grundlegend verändern.
Beispiel für viele Berufsfelder
Die Schweizer Transportbranche steht mit diesen Studienergebnissen beispielhaft für viele traditionelle Berufsfelder: Zwischen ökonomischem Druck, technologischer Transformation und ökologischen Anforderungen geraten gewachsene und gefestigte Strukturen ins Wanken. Für die Chauffeusen und Chauffeure bedeutet das einen Spagat zwischen Leidenschaft und Belastung. Ihre Arbeit bleibt unverzichtbar – doch die Bedingungen, unter denen sie geleistet wird, verändern sich rasant. Die grosse Herausforderung ist, eine Branche zu modernisieren, ohne jene zu verlieren, die sie tragen – zu einem grossen Teil sind dies die Chauffeusen und Chauffeure.
Text: Daniel von Känel
Zeichnungen: Trinco
Die Studie
Das Forschungsprojekt zielte darauf ab, zu verstehen, wie Schweizer Transportunternehmen mit den verschiedenen Vorgaben umgehen, denen sie ausgesetzt sind, welchen Einfluss diese Vorgaben und die Strategien der Arbeitgeber auf die Qualität der Arbeitsplätze von Chauffeuren haben und wie die Umstrukturierungen im Strassentransport und die Strategien der Transportunternehmen die berufliche Identität der Chauffeure verändern. Geleitet hat das Projekt Patrick Ischer, assoziierter Professor an der HEG – Hochschule für Wirtschaft Arc, Neuenburg. Finanziert wurde es durch den «Practice to Science»-Förderbeitrag des Schweizerischen Nationalfonds (SNF). Zur Methodik gehörten unter anderem Interviews mit Chauffeuren, Vertretern von Les Routiers Suisses und ASTAG sowie eine Auswertung von diversen Fachartikeln.
Daniel von Känel

