Wer regelmässig mit dem Lastwagen unterwegs ist, kennt das: Auf dem Navi blinkt eine rote Linie, die Passstrasse ist gesperrt, der Tunnel zu. Der Verkehr staut sich kilometerweit – und der Zeitplan gerät durcheinander. Oft steckt eine Naturgefahr dahinter – Steinschlag, Felssturz, Erdrutsch, Murgang, Lawine oder Hochwasser. Besonders in den Alpen nehmen solche Ereignisse zu. Doch was heisst das konkret für Chauffeure? Und wird heute anders gebaut und saniert als früher?
Alpenstrassen besonders betroffen
Nicht jede Strasse ist solchen Naturgefahren gleich ausgesetzt. Rund 300 Kilometer – das entspricht etwa 10 bis 15 Prozent des Nationalstrassennetzes – liegen in exponierten Gebieten, vor allem entlang alpiner Achsen und Passstrassen wie Simplon, San Bernardino, Julier oder Brünig. Hier können Naturereignisse direkt auf die Fahrbahn wirken. «Besonders gefährdet sind Alpenpässe, Alpentäler und einzelne Abschnitte im Jura und Mittelland», sagt Cornelia Winkler, Naturgefahrenspezialistin beim Bundesamt für Strassen ASTRA, in einem Interview im ASTRA-Nachhaltigkeitsbericht 2025. Darin macht sie auch klar, dass die Auswirkungen des Klimawandels deutlich spürbar sind: Starkniederschläge treten häufiger und intensiver auf als früher. Und Murgänge und Hochwasser sind nicht mehr nur Sommerphänomene, sondern können ganzjährig auftreten. Dazu kommt der tauende Permafrost in höheren Lagen, der Hänge instabiler macht. Für Chauffeure bedeutet das: Ereignisse kommen schneller – und oft überraschender. Umso wichtiger ist eine Infrastruktur, die auf diese Entwicklungen vorbereitet ist.
Jeder Abschnitt wird genau geprüft
Als Betreiberin der Nationalstrassen ist das ASTRA verpflichtet, die Strasseninfrastruktur nach klar definierten Normen zu planen, zu bauen, zu unterhalten und zu betreiben. Bereits in der Planungsphase werden mögliche Naturgefahren berücksichtigt. Dafür analysiert das ASTRA das Schadensrisiko entlang des gesamten Nationalstrassennetzes – alle 100 Meter Autobahnstrecke. Dazu arbeitet es eng mit dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) zusammen. Gefahrenkarten zeigen, wo mit welchen Naturgefahren und in welchen Intensitäten zu rechnen ist. Bei Strecken mit hohem Risiko werden Schutzmassnahmen umgesetzt – etwa Steinschlagnetze, Lawinenverbauungen, Galerien oder Hangstabilisierungen. In extremen Situationen bleibt eine temporäre Sperrung manchmal die letzte Option. Für das ASTRA gilt es aber, Aufwand und Nutzen sorgfältig abzuwägen, denn nicht jede Gefahr lässt sich abwenden: «Wir schützen die Nationalstrassen nach Möglichkeit dort, wo die Natur den grössten Schaden anrichten könnte», erklärt Winkler im Interview.
Regelmässige Überprüfungen
Bestehende Schutzmassnahmen werden im Zuge des Unterhalts und der Erneuerung von Strassenabschnitten regelmässig überprüft und an die jeweils geltenden Standards angepasst. Auch neue Erkenntnisse aus Forschung und Praxis fliessen laufend in die Auslegung von Schutzmassnahmen ein, etwa bei Steinschlagnetzen, Galerien oder Lawinenverbauungen.
Ein aktuelles Beispiel dafür ist der Simplonpass: Nach einem Murgang im Juni 2024 wurde die damals verschüttete Schutzgalerie Engi gezielt verstärkt. So soll sie auch stärkeren Murgängen standhalten und dazu beitragen, dass die Simplonpassstrasse möglichst zuverlässig offen bleibt.
Da in diesem Gebiet auch künftig mit Murgängen oder Steinschlägen gerechnet werden muss, überwacht das ASTRA den Hang oberhalb der Galerie permanent. Sensoren registrieren kleinste Bewegungen im Boden, Kameras liefern laufend aktuelle Bilder. Ergänzend misst eine Wetterstation unter anderem die Niederschlagsmenge. Wird eine akute Gefahr erkannt, greift das System sofort ein: Eine Ampelanlage sperrt die A9 am Simplon automatisch, damit kein Fahrzeug in den gefährdeten Abschnitt fährt.
Wenn trotzdem etwas passiert
Trotz aller Vorsorge lassen sich Sperrungen nicht immer verhindern. Bei akuten Ereignissen kann das ASTRA jedoch rasch handeln. In solchen Notfällen erlaubt eine gesetzliche Grundlage dem ASTRA, Arbeiten ohne lange Verfahren zu vergeben. Ziel ist es, die Strecke möglichst schnell wieder befahrbar zu machen. Das war auch im Juni 2024 der Fall, als starke Unwetter nicht nur beim Simplon, sondern ebenfalls in den Regionen Misox (Graubünden) und entlang der Rhone (Wallis) grosse Schäden anrichteten und Sperrungen der A9 und A13 zur Folge hatten – eine aufwendige und teure Geschichte. Deshalb erklärte Winkler im Interview, dass ihr Ziel sei, Schäden gar nicht erst entstehen zu lassen. Das ASTRA lässt sich die Prävention einiges kosten und investiert jährlich zwischen 15 und 20 Mio. Schweizer Franken – Tendenz steigend.
Fazit: Sicherheit geht vor
Sperrungen und Umleitungen sind für Chauffeure ärgerlich – keine Frage. Doch sie dienen in erster Linie der Sicherheit. Frühwarnsysteme, robuste Schutzbauten und vorausschauende Sanierungen sollen verhindern, dass es überhaupt zu Unfällen kommt. Oder anders gesagt: Auch wenn eine Sperrung im Moment Zeit kostet, hilft sie mit, dass Chauffeure langfristig sicher, zuverlässig und planbar unterwegs sein können – gerade auf den anspruchsvollen Strecken durch die Alpen.
Text: Fabienne Reinhard
Fotos: KaPO GR / Daniel von Känel
Auswirkungen des Klimawandels auf die Strasse
– Häufigere und intensivere Starkniederschläge
– Mehr Rutschungen, Murgänge und Steinschläge
– Lawinen an neuen, bisher wenig betroffenen OrtenQuelle: Die Schweizer Klimaszenarien «Klima CH2025». QR-Code zur Website.


