Die Reifenindustrie wandelt sich: Jährlich steigt die Nachfrage nach Reifen ab 20 Zoll – eine Folge immer grösserer und schwererer Fahrzeuge. Gleichzeitig verändern sich auch die Inhaltsstoffe: Reifen werden zunehmend aus nachhaltigen und recycelten Materialien produziert. Diesen Trend bestätigt der Hersteller Michelin: Dessen Reifen bestehen heute im Schnitt bereits zu rund 31 Prozent aus nachwachsenden oder recycelten Rohstoffen. Dazu zählen Naturkautschuk, recycelte Kunststoffe sowie wiederverwerteter Stahl und Russ.
Zunehmend ersetzen ebenfalls innovative natürliche Additive wie Sonnenblumenöl oder Limonen aus Orangenschalen fossile Bestandteile. Entscheidend ist laut Cyrille Roget, Direktor für Wissenschafts- und Innovationskommunikation bei Michelin, jedoch nicht die Innovation allein, sondern deren Gesamtwirkung: Erneuerbare oder recycelte Materialien werden nur dann eingesetzt, wenn sie über den gesamten Lebenszyklus («Cradle to Grave») eine bessere Umweltbilanz aufweisen.
Recyclingfähigkeit bleibt erhalten
Trotz neuer Materialmischungen gibt Roget Entwarnung: «Reifen sind zu 100 Prozent recycelbar und werden es auch weiterhin bleiben.» Alternative Materialien hätten vergleichbare Eigenschaften wie die ersetzten Stoffe und beeinträchtigten die Wiederverwertbarkeit nicht. Auch aus Sicht des Reifen-Verbands der Schweiz RVS gibt es keine grundsätzlichen Unterschiede zwischen klassischen Reifen und solchen mit höherem Anteil an nachhaltigen Materialien. Recycelte und biobasierte Bestandteile seien bereits seit Jahren Bestandteil von Standardreifen – wenn auch in geringeren Mengen. Komplexer wird es jedoch bei Zusatzfunktionen: Pannensichere «Seal»-Reifen mit integrierter Dichtmasse können Schredderanlagen verkleben und erschweren die stoffliche Verwertung. Sie werden daher häufig thermisch genutzt. Ähnlich bei «Silent»-Reifen: Während ältere Bauarten problematisch sind, ermöglichen neuere Lösungen mit eingeklebtem Absorberschaum zunehmend eine konventionelle Entsorgung.
Thermische Verwertung dominiert
In der Schweiz ist die thermische Verwertung nach wie vor der wichtigste Entsorgungsweg. Altreifen werden insbesondere in Zementwerken als Ersatzbrennstoff eingesetzt. «Reifen vollständig im Kreislauf zu führen, ist im Moment technisch nicht möglich und wirtschaftlich auch nicht umsetzbar», entgegnet RVS-Präsident Sven Sievi. Diesen Grenzen seien sich sowohl Behörden als auch Öffentlichkeit bewusst.
Gleichzeitig verfolgen Hersteller wie Michelin langfristig das Ziel, Reifen so weit wie möglich im Kreislauf zu führen. Roget betont aber, dass die thermische Verwertung – insbesondere durch Pyrolyse (vgl. Kasten) – aus Lebenszyklussicht sehr effizient sei. «Thermische Verwertung ist daher kein Widerspruch zur Kreislaufwirtschaft, sondern ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einem möglichst geschlossenen Materialkreislauf», sagt der Michelin-Kadermann.
Neben der energetischen Nutzung gewinnen stoffliche Verfahren zunehmend an Bedeutung. «Technologien wie Pyrolyse oder die hochwertige stoffliche Nutzung von Gummigranulat für Beläge oder Matten bieten zwar grosses Potenzial, müssen sich jedoch wirtschaftlich behaupten», sagt Sievi. Gleichzeitig treiben strengere Vorgaben – etwa zu Abrieb- und Geräuschemissionen – die Entwicklung neuer Reifen weiter voran.
Fakt ist: Neue Materialien machen Reifen nicht grundsätzlich schwieriger zu recyceln. Die grösseren Herausforderungen entstehen durch zusätzliche Funktionen – und durch Recyclingstrukturen, die mit der technischen Entwicklung Schritt halten müssen. Der Weg zur echten Kreislaufwirtschaft ist damit weniger eine Frage der Chemie als vielmehr eine der Systeme.
Text: Fabienne Reinhard
Fotos: Archiv
Gewusst?
Nutzung ist entscheidender als Materialien
Die für einen Reifen verwendeten Materialien machen gemäss Michelin nur 10 bis 15 Prozent der Umweltauswirkungen aus – 80 Prozent entstehen jedoch während der Nutzung. Deshalb setzt der Hersteller einen Fokus auf die Reduktion des Reifenabriebs. Zwischen 2015 und 2020 sank dieser bei Michelin bereits um 5 Prozent – das entspricht rund 100 000 Tonnen weniger Partikeln in der Umwelt.
Fabienne Reinhard
Pyrolyse
Das entsteht durch Pyrolyse:
– recycelter Russ für neue Reifen
– Pyrolyseöle und -gase zur Herstellung von Kraftstoffen oder Materialien sowie zur Energieversorgung des ProzessesFabienne Reinhard

